Bei einer Praxisübernahme als Allgemeinmediziner ist entscheidend, welche wirtschaftliche Grundlage Sie tatsächlich übernehmen. Vorhandene Räume, ein eingespieltes Team und bisherige Honorare geben Orientierung. Ob die Praxis zu Ihren Plänen passt, zeigt sich aber erst, wenn Sie die Zahlen auf Ihren eigenen Arbeitsumfang und Ihr künftiges Leistungsangebot übertragen.
Für Ihre Kaufentscheidung sollten Sie deshalb Bestandszahlen, Kaufpreis, Folgeinvestitionen und Finanzierung gemeinsam betrachten. In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie eine allgemeinmedizinische Praxis wirtschaftlich prüfen und erkennen, welche Fragen vor einer verbindlichen Entscheidung noch offen sind.
Welches Praxismodell passt zu Ihrer Tätigkeit?
Beginnen Sie mit Ihrem eigenen Vorhaben: Möchten Sie eine Einzelpraxis übernehmen oder einen Anteil an einer Berufsausübungsgemeinschaft erwerben? Welche Sprechzeiten planen Sie, welche Leistungen möchten Sie anbieten und wie viel Zeit benötigen Sie für Organisation und Führung? Diese Entscheidungen bestimmen, welche Praxisstrukturen für Sie geeignet sind.
Bei einer Einzelpraxis sollten Sie die bisherigen Aufgaben des Inhabers vollständig erfassen. Beim Einstieg in eine gemeinsame Praxis kommen die Regeln zur Zusammenarbeit, Gewinnverteilung und Entnahme hinzu. Ein erworbener Anteil bedeutet nicht automatisch, dass derselbe Anteil des ausgewiesenen Gewinns monatlich auf Ihrem privaten Konto ankommt.
Beschreiben Sie Ihr Modell möglichst konkret. „Die Praxis weiterführen“ reicht als Planungsannahme nicht, wenn Sie künftig weniger Stunden arbeiten, zusätzliche Mitarbeiter beschäftigen oder bestimmte Leistungen verändern möchten.
Bestandszahlen über mehrere Zeiträume vergleichen
Lassen Sie sich die Einnahmen-Überschuss-Rechnungen beziehungsweise Jahresabschlüsse mehrerer abgeschlossener Jahre und eine aktuelle betriebswirtschaftliche Auswertung zeigen. Ergänzend helfen Honorarunterlagen und nachvollziehbare Aufstellungen der wesentlichen Kosten. Vergleichen Sie dabei gleiche Zeiträume: Ein einzelnes starkes Quartal ist kein vollständiges Jahresergebnis.
Klären Sie auffällige Veränderungen mit dem Abgeber und der steuerlichen Betreuung. War die Praxis zeitweise nur eingeschränkt geöffnet? Wurden Stellen nicht nachbesetzt oder größere Ausgaben verschoben? Gibt es einmalige Einnahmen, die unter Ihrer Leitung nicht wiederkehren? Solche Informationen erklären, wie belastbar die bisherigen Ergebnisse für Ihre Planung sind.
Halten Sie historische Zahlen und Ihre künftigen Annahmen getrennt fest. Zu jeder Anpassung gehört eine Begründung. So können Sie später nachvollziehen, welche Ergebnisse aus der Vergangenheit stammen und welche Entwicklung Sie selbst erwarten.
Die Leistungsstruktur einer allgemeinmedizinischen Praxis verstehen
Die Gesamtzahl der Behandlungsfälle beschreibt nur einen Teil der Praxis. Für Ihre Planung sind auch Leistungsarten, Arbeitsaufwand und die Zusammensetzung der Einnahmen relevant. Betrachten Sie beispielsweise die reguläre vertragsärztliche Abrechnung, Privatleistungen und gegebenenfalls Einnahmen aus besonderen Versorgungsverträgen gesondert.
Prüfen Sie, welche Voraussetzungen Sie für die Fortführung einzelner Leistungen erfüllen müssen. Bei Disease-Management-Programmen, kurz DMP, erläutert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns die Teilnahmebedingungen und erforderlichen Genehmigungen. Setzen Sie entsprechende Einnahmen in Ihrer Planung erst mit einem nachvollziehbaren Starttermin an. Für eine hausarztzentrierte Versorgung klären Sie die eigenen Teilnahmevoraussetzungen mit dem jeweiligen Vertragspartner.
Für die wirtschaftliche Prüfung sollten zunächst ausreichend zusammengefasste, anonymisierte Angaben zur Patienten- und Leistungsstruktur verwendet werden. Ein Kaufinteresse eröffnet keinen freien Zugang zu einzelnen Patientenakten. Planen Sie außerdem konservativ: Bisherige Patientenbeziehungen bedeuten keine garantierten künftigen Einnahmen.
Welche Kosten verändern sich nach der Übernahme?
Übertragen Sie die bestehenden Ausgaben auf Ihren geplanten Praxisbetrieb. Zusätzliche Sprechstunden können eine andere Personalbesetzung erfordern. Eine neue Software verursacht möglicherweise Umstellungs- und Schulungsaufwand. Auch bisher unentgeltlich mitarbeitende Angehörige oder vom Abgeber selbst erledigte Verwaltungsaufgaben müssen in Ihrer Variante realistisch berücksichtigt werden.
Unterscheiden Sie wiederkehrende Ausgaben von einmaligen Maßnahmen. Ein jährlich höherer Personalaufwand verändert die laufende Tragfähigkeit. Die Anschaffung eines Geräts beeinflusst zunächst den Kapitalbedarf und später gegebenenfalls Wartung, Finanzierung und Abschreibung. Diese Wirkungen gehören in unterschiedliche Teile Ihrer Planung.
Rechenbeispiel: Warum das bisherige Ergebnis nicht einfach bleibt
Ein frei gewähltes, vereinfachtes Beispiel: Nach den betrachteten laufenden betrieblichen Ein- und Auszahlungen verbleiben bisher jährlich 150.000 Euro. Für Ihr Modell kommen 25.000 Euro zusätzliche Personalauszahlungen einschließlich Arbeitgeberkosten und 8.000 Euro weitere laufende Auszahlungen hinzu. Bei unveränderten Einzahlungen verbleiben rechnerisch 117.000 Euro.
Diese Zahl ist ein vereinfachter betrieblicher Zahlungsmittelüberschuss. Neue Investitionen, Ihre Erwerbsfinanzierung, persönliche Steuern, Vorsorge und Lebenshaltung sind noch nicht berücksichtigt. Das Beispiel enthält keine durchschnittlichen Praxiszahlen und ermittelt keinen Praxiswert. Es zeigt, weshalb eine Veränderung des Betriebsmodells vor der Finanzierungsentscheidung durchgerechnet werden sollte.
Ergänzen Sie außerdem eine Variante mit schwächeren oder später eingehenden Einnahmen. Dadurch sehen Sie, welcher Puffer in Ihrer Planung steckt und bei welchen Annahmen zusätzlicher Finanzierungsbedarf entstehen könnte.
Kaufpreis, Ausstattung und weiteren Investitionsbedarf einordnen
Ein Angebotspreis beantwortet noch nicht, ob die Praxis für Sie wirtschaftlich tragfähig ist. Lassen Sie sich erläutern, welcher Teil auf die vorhandene Ausstattung und welcher auf den wirtschaftlichen Wert der fortgeführten Praxis entfällt. Entscheidend ist, ob die zugrunde gelegten Annahmen zu den vorhandenen Unterlagen und Ihrer künftigen Tätigkeit passen.
Prüfen Sie das Inventar mit Blick auf Zustand, Nutzbarkeit und erforderliche Ersatzanschaffungen. Klären Sie außerdem, welche Gegenstände tatsächlich mitverkauft werden und welche geleast oder anderweitig gebunden sind. Ein niedriger Kaufpreis kann zusammen mit kurzfristig erforderlichen Investitionen einen höheren Gesamtbedarf ergeben als zunächst erwartet.
Für die Kaufverhandlung benötigen Sie eine nachvollziehbare Bewertung und eine eigene Tragfähigkeitsrechnung. Eine pauschale Umsatzregel oder ein einzelner Vergleichspreis ersetzt diese Prüfung nicht.
Standort und Zulassungsweg in Bayern zusammen prüfen
Wenn Sie eine allgemeinmedizinische Praxis in München, Augsburg oder im jeweiligen Umland suchen, betrachten Sie den konkreten Standort: Erreichbarkeit, Räume, Mietbedingungen, Einzugsgebiet und Ihre geplante Versorgung. Aus der Stadtbezeichnung allein lässt sich weder ein angemessener Kaufpreis noch die passende Praxisgröße ableiten.
Für die vertragsärztliche Tätigkeit gehört die Bedarfsplanung dazu. Die KBV erläutert die räumliche Planung der hausärztlichen Versorgung. Ob der betreffende Bereich offen oder gesperrt ist und welcher Weg für Ihr Vorhaben infrage kommt, muss anhand des aktuellen Standes geprüft werden.
In gesperrten Planungsbereichen kann ein Nachbesetzungsverfahren erforderlich sein. Die KVB beschreibt dessen Ablauf und die Entscheidung durch den Zulassungsausschuss. Eine Einigung über den Kauf ersetzt diese Entscheidung nicht. Lassen Sie Kaufvertrag, erforderliche Zulassung und Finanzierung zeitlich und rechtlich aufeinander abstimmen.
Die Finanzierung aus dem gesamten Kapitalbedarf entwickeln
Zum Finanzierungsbedarf gehören der Erwerb, zusätzlich notwendige Investitionen und die Mittel für den Übergang. Ordnen Sie jeder größeren Zahlung einen Termin zu. Kaufpreisfälligkeit, Technikrechnungen und laufende Ausgaben müssen nicht gleichzeitig anfallen; Einnahmen können zeitlich versetzt eingehen.
Prüfen Sie anschließend, wie Kreditraten und persönlicher Finanzbedarf aus den erwarteten Zahlungen getragen werden können. Berücksichtigen Sie dabei eine Reserve, die aus Ihrem Zahlungsplan und den erkennbaren Unsicherheiten hergeleitet wird. Die bloße Zusage eines Kredits ersetzt die eigene Prüfung des verbleibenden Spielraums nicht.
Welche Belege Sie für das Bankgespräch zusammenstellen sollten, erläutert unsere Praxisfinanzierung Checkliste.
Fünf Fragen für Ihre Kaufentscheidung
Vor einer verbindlichen Entscheidung sollten Sie die wesentlichen Annahmen selbst erläutern können. Diese Fragen helfen, offene Punkte gezielt zu erkennen:
- Ergebnis: Welche bisherigen Einnahmen und Kosten sind unter Ihrer Leitung weiterhin plausibel?
- Arbeitsmodell: Passen Sprechzeiten, Leistungsangebot und Personal zu Ihrer verfügbaren Zeit?
- Kauf und Investitionen: Ist nachvollziehbar, was Sie erwerben und was zusätzlich benötigt wird?
- Voraussetzungen: Sind Zulassung, Räume und erforderliche Teilnahmegenehmigungen für Ihren Start geklärt?
- Finanzierung: Welcher finanzielle Spielraum bleibt nach Praxiszahlungen, Kreditraten und persönlichem Bedarf?
Den organisatorischen Übergang mit Team und Patienten vertiefen wir im ergänzenden Artikel Praxisübernahme als Hausarzt: Team, Patienten und Übergang planen.
Häufige Fragen zur Praxisübernahme für Allgemeinmediziner
Welche Zahlen sind für die Prüfung besonders wichtig? Mehrjährige Geschäftszahlen, aktuelle Auswertungen, Honorarstruktur, Personal- und Raumkosten sowie erkennbare Investitionen bilden die Grundlage. Entscheidend ist die nachvollziehbare Überleitung dieser Angaben auf Ihre eigene Tätigkeit.
Lässt sich ein angemessener Kaufpreis allein aus dem Umsatz ableiten? Dafür reicht der Umsatz allein nicht aus. Sie benötigen eine Bewertung der konkreten Praxis und eine Rechnung dazu, welche laufenden Zahlungen, Investitionen und Finanzierungsraten Ihr Vorhaben tragen kann.
Wann sollte die Finanzierungsplanung beginnen? Sobald eine konkrete Praxis und erste belastbare Unterlagen vorliegen. Die Planung sollte früh genug beginnen, um Kaufpreis, notwendige Anpassungen und Finanzierung vor verbindlichen Vereinbarungen gemeinsam beurteilen zu können.
Ihre Praxisübernahme mit nachvollziehbaren Zahlen vorbereiten
Frank-Jonas Hempel unterstützt Ärzte in München und Augsburg dabei, Praxiszahlen, Kapitalbedarf und Finanzierung zu strukturieren. In unserer Beratung zur Praxisübernahme bringen wir Ihre beruflichen Pläne mit Ihrer persönlichen Finanzsituation zusammen.
Sie haben bereits eine allgemeinmedizinische Praxis im Blick? Vereinbaren Sie ein Gespräch mit mediziner.coach. Gemeinsam klären wir, welche Unterlagen und Annahmen für Ihre Kaufentscheidung noch fehlen.